Score Mary Bauermeister

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PARTITUR

Needless Needles

von Mary Bauermeister (1964)

Man kennt die Kölner Künstlerin Mary Bauermeister vor allem auf Grund ihrer Kunstwerke der 1960er Jahre und ihrer Zusammenarbeit mit der Avantgarde der damaligen Neuen Musik. Bekannt ist allerdings nicht, dass sie zu jener Zeit Bildwerke geschaffen hat, die gleichzeitig auch als Partituren bzw. als Scores angelegt waren.

 

Seit Ende der 1950er Jahre hat Bauermeister sehr eng mit der Avantgarde der damaligen Neuen Musik zusammengearbeitet und sich intensiv ausgetauscht. Nicht nur waren experimentelle Komponisten wie Cornelius Cardew, Sylvano Bussotti oder Nam June Paik Gast in ihrem Atelier und bei ihren Atelier-Konzerten, sie stand auch im Dialog mit den amerikanischen Vertretern Neuer Musik wie John Cage, David Tudor, Earl Brown und dem Choreographen und Tänzer Merce Cunningham sowie mit den europäischen Event- bzw. Performance-Künstlern der später sogenannten Fluxusbewegung, wie Benjamin Patterson oder George Brecht. Auf dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Zwölftonmusik und der Seriellen Musik schon in den 1950er Jahren lernte sie 1960 den Komponisten Karlheinz Stockhausen kennen, mit dem sie dann eng zusammenarbeitete und bis in die 1970er Jahre hinein zusammenlebte.

 

Aus dieser Zusammenarbeit speziell entstanden diverse musikaffine Werke. Mit algorithmischen Programmzeichnungen übertrug sie Kompositionstechniken und die Eigenschaft der Werkoffenheit der seriellen Musik in die Malerei. Wobei, ähnlich der Interpretation einer graphischen Musiknotation, erst der Betrachter die genaue Lesekombination festlegt. Und 1961 bei den Internationalen Ferienkursen der Neuen Musik in Darmstadt demonstrierte Bauermeister in einem Kompositionskurs von Karlheinz Stockhausen anhand ihrer sogenannten „Malerischen Konzeption“, einem tabellarischen Diagramm, wie sich serielle Kompositionstechniken für die Bildende Kunst fruchtbar machen lassen.

 

Diese Vorgehensweise Bauermeisters, Bilder wie Partituren bzw. wie Scores anzulegen, geht den umgekehrten Weg wie der, den die Komponisten der Neuen Musik wenig vorher mit ihren Partituren gegangen waren. Sie begannen nämlich ihre Musik nicht mehr traditionell in Notenschrift zu notieren, sondern als graphische Notationen(grafic scores) festzuhalten. Diese sind zwar nicht mehr zu unterscheiden von Graphiken der Bildenden Kunst, sind aber musikalisch zu lesen und zu interpretieren.

 

Analog dazu wurden genau zeitgleich, Anfang der 1960er Jahre, von den amerikanischen Choreographinnen des Postmodern Dance, eine Gruppe von TänzerInnen, Choreographinnen, Performerinnen und bildenden Künstlerinnen, Scores oder Handlungsanweisungen angelegt, die rein zeichnerische, schriftliche oder diagrammatische Elemente benutzten, um klassische und traditionelle Muster der „Tanzfindung“ aufzubrechen.

 

Historisch hatte es also hinsichtlich des Aussehens und des Verständnisses von Scores in jener Zeit eine gemeinsame Bewegung in der Musik, dem Tanz und der Bildenden Kunst gegeben. Dieses interdisziplinäre Wissen wirkt bis heute fort, gilt es weiter zu erkunden und konkret in ein Stück einfließen zu lassen und fruchtbar zu machen.

Needless Needles

Choreographie 1 von Carla Jordão 

Choreographie 2 von Valérie Kommer

Aufnahme - Premiere am 29. Juni 2018 in der tanzFaktur Köln

 

Für den Kölner Tanztheaterpreis 2018 nominiert. 

Das Partitur-Bild Bauermeisters ist nicht nur kongenial übersetzt. Thematisiert und zur Anschauung und Diskussion gestellt wird die Transferleistung von der bildgraphischen Partitur aus der Bildenden Kunst in die heutige spezifische Praxis der Partitur- Übersetzungen, wie sie im zeitgenössischen Tanz und in der Performance Art gebräuchlich sind.

Die beiden Choreographinnen Carla Jordão und Valérie Kommer haben die bildgraphische Partitur Needless Needles von Bauermeister von 1964 interpretiert und sie in zwei unabhängig voneinander entstandene Tanzstücke übersetzt. Die beiden unterschiedlichen choreographischen Ansätze werden von nur einer Tänzerin vorgeführt.

Choreographie 1: 

In ihrer bisherigen künstlerischen Arbeit beschäftigte sich die Choreographin Carla Jordão mit bewusst gesetzten Reduzierungen und Verlangsamungen einzelner Körperbewegungen. Sie entwickelt eine Sprache der kleinsten Details, die im Zusammenspiel mit Sounds und Licht bis an die Grenzen ihrer Darstellbarkeit ausgelotet werden. Die Sprache durchläuft mehrere Transformationsstadien, aus denen oft Gesten von größter Eindeutigkeit erwachsen. Schon mehrmals dienten Werke aus der Bildenden Kunst als Vorlage für ihre choreographischen Arbeiten, wobei sie dabei häufig nur einzelne Aspekte herausgriff und diese dann über mehrere choreographische Arbeitsschritte verdichtend bearbeitete (z.B. in projections of the unconscious; State of suspension).

 

Choreogaphie 2:

Im Zentrum des choreographischen Ansatzes von Valérie Kommer steht eine Bewegungssprache, die auf Prinzipien der Release-Technik aufbaut, Anleihen an die Bartenieff Methode macht und das darin angelegte Verständnis, den Körper immer als Ganzes zu denken und sich in der Ausführung der Bewegung immer der direkten Verbindung von Scheitel bis Fußsohle bewusst zu sein, zu Nutze macht. Die Integration von sequentiell orientierten Ordnungsprinzipien, die insgesamt zu einem Ausdruck von einem scheinbar nicht endend wollenden Flow von Ereignissen verhilft, ist weiteres Element ihres choreographisch-technischen Ansatzes.

In ihrer Interpretation des Bildes Needless Needles galt Valérie Kommers Interesse insbesondere der Suche nach Möglichkeiten, das physische Zusammenspiel der Präsenzen von Musiker und Tänzerin herauszufordern.

 

Beide Interpreten erscheinen als Experten ihrer künstlerischen Sparte und bedienen sich ihrer disziplineigenen Mittel, um der Aufgabe, das Bildhafte in die eigene Sprache zu übersetzen, beizukommen; doch gleichzeitig entsteht im Nebeneinander ein Miteinander, bei der Suche nach Übersetzung des graphischen Scores verweben sich die Ebenen und ein Amalgam aus Graphik, Körper, Figürlichkeit, Tanz und Klang bildet sich heraus.