Das Künstlerteam TANZ MACHT SICHTBAR Carla Jordão/Katharina Geyer/Wilfried Dörstel macht es sich zur Aufgabe aus einem bildkünstlerischen Ausgangswerk dessen Essenz zu destillieren und transformiert diese in eine Bewegungsmatrix, eine Art Bewegungs-Partitur, die als gemeinsame Basis für zwei unterschiedliche Choreographien und Sichtweisen genutzt wird.
Bild-Werk          
Partitur/Score
=
choreographische 
Struktur-Vorlage
Choreographie/
Perspektive 1
Choreographie/
Perspektive 2

Wir wählen primär abstrakt gehaltene Werke aus der Bildenden Kunst, die graphisch-energetisch lesbar sind und deshalb für uns als Notationen/Partituren funktionieren. Diese „Bild-Notationen“ bzw. in Materie übertragene Bewegungsenergien werden von den Choreographen als Handlungsanweisungen gelesen und in diese übersetzt und dienen als Grundstruktur für den Vorgang der Choreographie-Übertragung. Wir lösen quasi die/eine künstlerische Essenz aus dem Bild-Werk heraus, nehmen diese Essenz und bauen auf ihr eine neue künstlerische, aber diesmal tänzerische Ausformung auf. Dabei geht es um einen aufmerksamen und feinfühligen Verstehens-Prozess der künstlerischen Methoden der Bild-Vorlage.

TANZ MACHT SICHTBAR schlägt über das künstlerische Mittel des „Scores“ eine Brücke zwischen den Welten des Tanzes und denen der Bildenden Kunst. Im zeitgenössischen Kunstkontext werden Scores immer wieder in graphische Zeichen übertragen und gewinnen dadurch Bildcharakter. Im Tanz hingegen bedeuten Scores prinzipiell Handlungsanweisungen.

Der Projektzyklus TANT MACHT SICHTBAR basiert auf einem Kernkonzept/Format, das immer 2 tänzerisch-choreographische Bearbeitungen vorsieht. Zwei Choreographen arbeiten zunächst unabhängig voneinander und präsentieren anschließend dem Publikum ihre jeweils eigene künstlerisch-formulierte Perspektive auf das einzelne Kunstwerk. Beide Tanz-Performances werden jeweils von derselben Tanzbesetzung ausgeführt. Die für das Publikum sich daraus ergebende Rezeption beruht auf der Grundidee des Vergleichenden Sehens, eine Arbeitspraxis aus den Vergleichenden Literaturwissenschaften. Der Soziologe Niklas Luhmann spricht vom „ wir sehen nur in Differenzen“.

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Choreographie 1 von Carla Jordão

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De-Choreographie 2 von Wilfried Dörstel

Das anschließende Publikumsgespräch ist ein wichtiger Teil des Konzepts.  Im gemeinsamen Austausch darüber, was von den drei verschiedenen künstlerischen Gestaltungen, dem Kunstwerk  und seinen beiden tänzerischen Manifestationen, wahrgenommen und gesehen worden ist, soll der tiefen Bedeutung des Kunstwerks  näher gekommen  werden.

Auf der Museums-/Kunst-Seite betrachten wir diesen Arbeitsprozess als Re-Aktualisierung des bildkünstlerischen Ausgangswerks. Ein Vorgang, der im kunsttheoretischen Zusammenhang insofern spannend ist, wenn man an den Grundgedanken der Kulturanalytikerin Mieke Bal denkt, die sagt, dass ein Werk immer wieder aus dem zeitlichen Kontext heraus, in dem man gerade lebt, betrachtet und gelesen werden muss. Tun wir genau das im Museum, wenden wir ihre theoretischen Ausführungen praktisch an. Nebenbei leisten wir indirekt Vermittlungsarbeit und erheben den Tanz in die Rolle der Metaposition. Wir vermitteln nicht über Worte, sondern über eine künstlerische, choreographische Arbeit. Wir bringen über den Tanz den mit Worten schwer vermittelbaren graphisch-energetischen Aspekt der Kunstwerke dem Kunstpublikum näher und machen diesen sichtbar. Und zugleich bringen wir dem Kunstpublikum den zeitgenössischen Tanz und seine künstlerischen Methoden und Eigenheiten näher.